Handwerker werben um Nachwuchs – Studienabbrecher heiß begehrt


Auszubildende in der Metallwerkstatt

Manchmal funkt es an der Werkbank: Das Handwerk nimmt zunehmend Studienabbrecher als Auszubildende in den Blick. Der Meistertitel ist nicht schlechter als der Doktortitel, lautet die Devise. Foto: Colourbox

17. Januar 2013 | Westfälische Nachrichten | Münster - Bis zu 20 Prozent aller Studierenden brechen ihr Studium vorzeitig ab. Gleichzeitig sucht vor allem das Handwerk dringend qualifizierten Nachwuchs. Allerdings kommen nicht viele Ex-Studis von selbst auf den Gedanken, sich mal im Handwerk umzusehen. Eine neue Initiative von Arbeitsagentur und Handwerkskammer will ihnen auf die Sprünge helfen.
Von Lukas Speckmann - Mein Kind, denken viele Eltern, soll es später mal besser haben. Also macht das Kind Abitur und geht studieren. Dagegen ist nichts einzuwenden, sagt Joachim Fahnemann von der Arbeitsagentur Münster-Ahlen: „Wir brauchen hoch qualifizierte Arbeitnehmer.“
Dann aber gerät das Kind ins Straucheln. Weil es entweder das falsche Fach erwischt hat, oder weil Studieren eh nicht das Richtige ist. Also bricht es das Studium ab und sucht irgendwas Neues. Auch dagegen hat Joachim Fahnemann nichts einzuwenden: „Wir brauchen nicht nur hoch qualifizierte Arbeitnehmer.“
Das Problem ist nur: Wie kommen die Betriebe an die mittlerweile sogar begehrten Studienabbrecher ran? Denn da gibt es eine doppelte Hemmschwelle: Der Studienabbruch gilt einerseits immer noch als gesellschaftlicher Makel. Und andererseits kommen Abbrecher mit Hochschulreife nicht unbedingt von selbst auf den Gedanken, sich beispielsweise mal beim Handwerk umzuschauen.
Eine neue Initiative von Arbeitsagentur und Handwerkskammer soll Abhilfe schaffen. Sie heißt „Und morgen Meister“ und will beruflich desorientierten jungen Menschen das Handwerk schmackhaft machen. Indem sie Vorurteile abbaut und eine eng verzahnte Beratung anbietet.
Knut Heine von der Handwerkskammer bestätigt, dass es landesweit mehrere ähnliche Initiativen gibt: „Alle versuchen, an die Zielgruppe heranzukommen.“ Grob geschätzt: Bis zu 20 Prozent aller Studierenden brechen vorzeitig ab.
Klassischer Fall: Da gibt es die Physikstudentin, die nach zwei Semestern an der Uni die Nase voll hat. Für die wäre doch Augenoptik oder Hörgeräteakustik ideal. Die Berater vermitteln Kontakte, helfen bei der Anrechnung von Studienleistungen für die Ausbildung oder geben Tipps, wie sich die Meisterschule schneller absolvieren lässt.
Unkonventioneller Fall: der Germanistikstudent, der sich seit Jahren als Taxifahrer profiliert. Dem müsste man erst einmal die Vielfalt der Ausbildungsberufe vor Augen führen, meint Knut Heine. Vielleicht wäre ja Buchbinder was für ihn. Oder Kältetechnik. Das lasse sich nur in jedem Einzelfall herausfinden. „Auf Stärken besinnen“, lautet das Stichwort. 

Quelle: Westfälische Nachrichten 17.01.2013