Studienabbruch als Chance – Neustart im Betrieb


Kooperationspartner und Azubis in der Kfz-Werkstatt

Johannes Philipp und Daniel Waldmann (hinten v.l.) haben ihr Studium abgebrochen und absolvieren jetzt eine Ausbildung. Ein guter Entschluss, finden (vorne v.l.) Jürgen Brückmann, Bernadette Voß, Theo Wübbels und Antoinette Fürstenau-Bröcker. Foto: kv

31. Oktober 2014 | Westfälische Nachrichten | Münster - Die Arbeitsagentur sowie die Handwerks- und die Industrie- und Handelskammer ermutigen frustrierte Studierende, einen Schlussstrich unter das Kapitel Hochschule zu ziehen. Sie helfen bei der Suche nach dem richtigen Beruf und vermitteln Ausbildungsstellen. Rund 100 ehemalige Studierende absolvieren mittlerweile eine Lehre.
Von Karin Völker - Johannes Philipp und Daniel Waldmann sind Auszubildende als Karosseriebauer beim Autohaus Beresa in Mecklenbeck. Am Freitag hatten die beiden Azubis nicht nur Arbeit in der Werkstatt zu erledigen. Sie hatten im Betrieb Besuch von Studierenden – um genau zu sein, nicht besonders glücklichen Studenten und Studentinnen. Denen spukt, teils schon länger, der Gedanke durch den Kopf, aufzuhören. Johannes Philipp und Daniel Waldmann haben genau das getan, Die beiden studierten Maschinenbau an der Fachhochschule Münster – und gewannen die Erkenntnis, auf dem falschen Weg zu sein. Sie haben abgebrochen und ermutigen nun andere, denen es ähnlich geht, den Schritt ebenfalls zu wagen.
Handwerkskammer Münster, Industrie- und Handelskammer und die Arbeitsagentur Ahlen-Münster unterstützen Studenten, das Scheitern an der Hochschule als Chance zu sehen. Die Initiative mit dem Namen „ . . . und morgen Meister“ läuft nun im zweiten Jahr. Mittlerweile sind, ermutigt von den Beratern der Kammer und der Arbeitsagentur, rund 100 Ex-Studierende Azubis in den unterschiedlichsten Berufen, berichtet Jürgen Brückmann von der Handwerkskammer. Nicht immer gibt es Ausbildungsplätze im Beruf der ersten Wahl, sagt Antoinette Fürstenau-Brücker von der IHK Nord-Westfalen. Ebenfalls wie Brückmann sucht sie mit den Noch-Studierenden in intensiven Gesprächen den individuell richtigen Beruf – um dann möglichst auch schon einen Betrieb für die Ausbildung zu finden.
Für Bernadette Voß, Personalleiterin bei Beresa, ist der Studienabbruch keineswegs ein Makel. Unter den derzeit 106 Azubis bei Beresa sind etliche Ex-Studierende. „Ich finde es gut, wenn jemand den Mut hat, als Azubi in einem Unternehmen einen neuen Weg einzuschlagen“, sagt Voß. Beresa war am Freitag in dem gemeinsamen Projekt der erste Betrieb, der potenzielle Studienabbrecher und Azubis in spe gemeinsam mit den Projektpartnern empfangen hat. Sie eint die Gewissheit, dass es besonders wichtig ist Betriebe kennenzulernen. „Das letzte und oft einzige Praktikum war bei vielen, mit denen wir sprechen, in der neunten Klasse“, sagt Theo Wübbels von der Arbeitsagentur Ahlen-Münster. Bei den meisten gehe es zuerst darum, Klarheit zu schaffen, auch die Psyche zu stabilisieren. Denn den Abbruch sehen viele immer noch als persönliche Niederlage sowie verbunden mit schlechteren Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten.
Die Ausbildungsexperten dementieren energisch: „Meister können mit Hochschulabsolventen durchaus konkurrieren.“

Quelle: Westfälische Nachrichten 31.10.2014